Ausbildung

Perspektivwechsel

Vom Altenpflegeschüler zur verantwortlichen Pflegekraft

Freitag, 10:00 Uhr Berlin-Oberschöneweide: Es wird einer dieser heißen Sommertage, von denen es dieses Jahr so viele gab. Man kann es bereits spüren. Im Eingangsbereich des Caritas-Seniorenzentrums St. Konrad ist es derweil noch angenehm kühl. Im Haus herrscht reges Treiben. Eine Gruppe von Seniorinnen und Senioren singt im Hof gemeinsam Volkslieder. In den verschiedenen Wohnbereichen gehen Pflegerinnen und Pfleger den alltäglichen, morgendlichen Aufgaben nach. Ein ganz normaler Freitag im August. Doch für einige der Pflegerinnen ist es ein besonderer Tag.

Es ist der letzte Tag des Projektes "Azubi-Wohnbereich". Elf Altenpflegeschülerinnen der Caritas Altenhilfe leiten seit zwei Wochen eigenständig die Wohngruppe zwei mit ca. 30 Bewohnerinnen und Bewohnern. Sie sind für die Versorgung und Betreuung der Senioren zuständig. Im Rahmen des freiwilligen Projektes lernen die Azubis hier das gesamte Spektrum ihrer späteren Aufgaben als Pflegefachkraft sowie die Verantwortung, die mit diesen einhergeht kennen - allerdings mit Sicherheitsnetz und doppeltem Boden. Jede Schicht wird von zwei Praxisanleiterinnen begleitet, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Auszubildende Ewelina führt telefonische Absprachen mit einem Hausarzt. Die Praxisanleiterin schaut ihr dabei über die Schulter.

Dienstbeginn 

Bereits früh um 6:30 Uhr begann die Schicht der angehenden Altenpflegerinnen. Je Schicht kümmern sich 4 bis 5 Altenpflegeschülerinnen der Lehrjahre eins bis drei um die Wohngruppe. Die Azubis des 3. Lehrjahres übernehmen dabei die Rollen der leitenden Pflegefachkräfte. Sie sind für die Behandlungspflege zuständig. Sie stellen und verabreichen Medikamente und führen Absprachen mit den jeweiligen Haus- und Fachärzten. Nach der Übergabe des Nachtdienstes stimmen sie die Abläufe mit den anderen Auszubildenden ab, verteilen die Aufgaben an diese und leiten auch mal an.

Ilona und Ewelina sind beide im dritten Lehrjahr und stehen kurz vor ihren Abschlussprüfungen. Sie können in den Projektwochen noch einmal alles anwenden, was sie gelernt haben und sich so auf die Prüfungen und den Einstieg als Fachkraft vorbereiten. "Die Dokumentation und den Papierkram lernt man nicht direkt in der Schule. Es ist sehr hilfreich, dass hier nochmal zu üben", erzählt Ewelina während sie die Pflegedokumentation einer Bewohnerin vervollständigt.  

In der Zeit von 8:00 bis 10:00 Uhr kümmern sich Ilona und Ewelina um die medizinische Behandlung der Bewohner, während die Schülerinnen aus dem ersten Lehrjahr die grundpflegerischen Tätigkeiten übernehmen. Dazu gehört die Unterstützung bei der Körperpflege, Ernährung und Mobilität. Heute übernehmen Mandy und Jennifer die morgendliche Pflege. "Für das erste Lehrjahr ist es super die Grundpflege zu festigen, für das dritte Lehrjahr ist das Projekt insbesondere für die Prüfungsvorbereitung gut", stellt Mandy bezüglich der Aufgabenverteilung fest. Sie absolviert ihre Ausbildung sonst in der ambulanten Pflege und hat während des Projektes viel Neues gelernt. "Ich kannte zum Beispiel den Sitzlifter zum Baden nicht und bin positiv überrascht", erzählt sie.

Die leitenden Pflegekräfte übergeben den Dienst an die Spätschicht. Die Dienstübergabe findet im Dienstzimmer statt.

Inzwischen nähert sich die Mittagszeit. In den Räumen wird es deutlich wärmer. Das Dienstzimmer der Pflegerinnen füllt sich, da alle ihre Aufgaben erledigt haben. Wichtig ist nun die Dokumentation. Anschließend werden die weiteren Aufgaben besprochen. Das Delegieren fällt den Schülerinnen noch schwer. Auch Ewelina weiß woran sie arbeiten will: "Als Pflegefachkraft muss man sehr viele Dinge schaffen und lernen Aufgaben weiterzugeben, was ich gar nicht so einfach finde."

"Wer loslässt hat beide Hände frei" (Sprichwort)

Die Herausforderung des Delegierens sieht auch Praxisanleiterin Kristin Lembke. Sie beobachtet, dass die Azubis sich manchmal in ihren Aufgaben verzetteln. "Sie lernen es erst Struktur in die Abläufe zu bringen, zu verteilen und zu koordinieren. Man kann nicht alles allein schaffen. Es ist wichtig zu lernen, wie die Prioritäten zu setzen sind, damit die Abläufe passen", schildert sie aus ihren Erfahrungen.

Ewelina trägt Mandy heute auf, den Blutzucker der Bewohner mit Diabetes zu messen und das benötigte Insulin zu spritzen, damit alle um 12:00 Uhr ihr Mittagessen zu sich nehmen können. Begleitet wird Mandy dabei von Praxisanleiterin Susann Okatz. Sie schaut ihr über die Schulter, gibt Hilfestellungen und spricht die wichtigsten Schritte mit Mandy ab.

Danach ist für die Bewohner des Seniorenzentrums Zeit für das Mittagessen. Bei Bedarf helfen die Schülerinnen nun, das Essen anzureichen. Gegen Mittag treffen auch die Angehörigen eines Bewohners ein. Er liegt gerade im Sterben. Auch diese Erfahrung gehört für die Auszubildenden dazu. Für viele ist dies nicht neu. Sie haben jahrelang als Pflegehelfer gearbeitet und solche Situationen schon miterlebt. Die Schülerinnen des 3. Lehrjahres werden in die Gespräche mit den Angehörigen einbezogen, so wissen sie, was in Zukunft als Pflegefachkraft auf sie zukommen wird.

"Wir wussten bis kurz vor dem Start nicht, ob wir es dieses Jahr klappt."

Die Idee des Projektes entstand im vergangenen Jahr und wurde bereits einmal umgesetzt. Aufgrund der positiven Rückmeldungen wurde es dieses Jahr wiederholt, trotz anfänglicher Startschwierigkeiten. Aufgrund des hohen Krankenstandes stand das Projekt auf der Kippe. "Wir wussten bis kurz vor dem Start nicht, ob wir es dieses Jahr klappt. Aber es ist eine lehrreiche Erfahrung, die wir den Azubis unbedingt ermöglichen wollten", erzählt Wohngruppen- und Praxisanleiterin Kristin Lembke. Sie wird die Azubis in der Nachmittagsschicht begleiten. "Dass das Projekt vorbei ist, lässt mich schon emotional werden. Es war eine intensive Zeit. Mein Dank gilt allen Azubis und Praxisanleiterinnen. Trotz des holperigen Starts, sind sie dabei geblieben und haben sich auf das Projekt eingelassen. Wir sind ein richtig gutes Team geworden!", zieht sie schon mal ihr Fazit. Eine ausführliche Auswertung wird es bei der Abschlussveranstaltung geben, bei der alle die Zeit gemeinsam reflektieren.

Zwei Auszubildende des 3. Lehrjahres versorgen die Wunde einer Bewohnerin.

Die Schicht ist noch nicht vorbei. Ilona und Ewelina gehen gemeinsam zu Frau Spiegel und versorgen ihre Wunden. Die Verbände an ihren Beinen müssen gewechselt werden. Ewelina hat darin schon Erfahrung und leitet ihre Kollegin an, damit die schmerzhafte Prozedur für Frau Spiegel so angenehm wie möglich wird. Praxisanleiterin Irina Schreiner beobachtet die Versorgung der Bewohnerin: "Es macht auch mir Spaß und ist eine lehrreiche Zeit. Es ist schön die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzugeben. Für mich ist es auch sehr wertvoll mal nur Beobachter zu sein und auf diese Weise wieder ganz neu hinzuschauen." Frau Spiegel ist mit der Versorgung sehr zufrieden: "Sie machen das wirklich gut. Sehr liebevoll."

Als die drei Frauen ins Schwesternzimmer zurückkommen, ist dies bereits rappelvoll. Die Azubis der Spätschicht warten auf die Übergabe. Gemeinsam werden der Tag und die Geschehnisse besprochen. Eine Auszubildende hat Eis für alle mitgebracht - ein schöner Ausklang für die Frühschicht und ein guter Start in die letzte Spätschicht.